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Die Sardische Diät

Wie essen die ältesten Menschen der Welt?

Sardinien ist eine traumhaft schöne Insel. Herrliche Sandstrände mit türkisfarbenem Meer kontrastieren mit einer kargen Berglandschaft. Genau dort, in den Bergen, gibt es weltweit die meisten Menschen, die 100 Jahre alt und älter werden. Was ist das Geheimnis ihrer Gesundheit? Eine Diät? Im ursprünglichen Sinn des Wortes schon, Diät bedeutet „Lebensführung“. Die Lebensweise der sardischen Bergbewohner trägt wohl dazu bei, dass es praktisch keinen Unterschied zwischen der Lebenserwartung von Frauen und Männern gibt wie sonst überall. Wie und was essen sie?

Giovanni Mario Pes ist Arzt an der Universität Sassari auf Sardinien. Er erforscht die sardische Methusalem-Formel und hat dabei spannende Erkenntnisse gewonnen. Bei den „alten“ Bergbewohnern handelt es sich um Hirtenfamilien mit Schaf- und Ziegenherden. Sie betreiben Wanderweidewirtschaft, die Tiere können am Tag bis zu 20 Kilometer zurücklegen. Die Hirten bewegen sich also viel zu Fuß. Je steiler der Berg, desto gesünder und älter werden die Menschen. Die erste, gar nicht so überraschende Komponente für ein gesundes Leben lautet also schlicht: Bewegung.

Nun zur Ernährung. Die Menschen essen dreimal am Tag, der um 6.30 Uhr mit dem Melken der Tiere beginnt. Damit wäre die zweite Komponente klar, die uns auch nicht weiter überrascht: Nur drei Mahlzeiten am Tag, keine Zwischenmahlzeiten. Und dass sich die Hirten beim Essen Zeit nehmen, das setzen wir einfach mal voraus.

Aber welches Essen hilft den Menschen in den Bergen Sardiniens, so lange zu leben? Das Essen in dieser kargen Region ist recht eintönig. An erster Stelle steht Brot aus Gerste und alten Hartweizen-Sorten. Es ist ein handgemachtes Sauerteigbrot, der Teig hat Zeit zu gehen, Hefe und Laktobacillen haben Zeit, das Korn aufzuschließen und zu fermentieren. In manchen Dörfern wird mit Hefen gearbeitet, deren Ursprung hunderte von Jahren alt sein soll. Dieses Sauerteigbrot reduziert den Blutzucker- und Insulinspiegel nach dem Essen um 25% gegenüber Brot aus Brotfabriken, ein richtiges Entspannungsprogramm für die Bauchspeicheldrüse und der beste Schutz vor Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Mehr als 500g Sauerteigbrot isst ein Hirte pro Tag! Von einer solchen Menge würde jeder Arzt seinen Patienten dringend abraten, weil ein so hoher Kohlenhydratanteil in der Nahrung das Entzündungsrisiko stark erhöht. Warum nicht bei den sardischen Hirten? Weil sie sich viel bewegen. Sie joggen übrigens nicht in Sportschuhen durch die Landschaft, sie gehen zu Fuß.

Die nächsten wichtigen Komponenten in der Ernährung sind Olivenöl, Gemüse und Milchprodukte. Gemüse gibt´s nicht roh, sondern vor allem als Gemüsesuppe Minestrone. Das Gemüsesortiment umfasst hauptsächlich Fenchel, Karotten, Kartoffeln, Sellerie, Zwiebeln und Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, Kichererbsen).

Auf Sardinien stehen Quark und Käse aus Schaf- und Ziegenmilch, also fermentierte Milchprodukte auf der Speisekarte. Die Vorteile von Ziegenmilch: Das Fett der Ziegenmilch wird von unserer Lipase sehr leicht verdaut. Ziegenmilch treibt den Cholesterinwert im Blut nicht nach oben und soll sogar vor Darmkrebs schützen. Der hohe Gehalt an Calcium und Phosphor beugt Osteoporose vor. Da die sardischen Bergbewohner außerdem von Natur aus bestens mit dem Sonnen-Vitamin D versorgt sind (weil sie viel draußen sind und Sonnenschutzcreme Faktor 50 nicht zu ihrem Outdoor-Outfit gehört) sind Knochenbrüche bei den „Alten“ vergleichsweise selten. Mit ihrem hohen Gehalt an Zink und Selen unterstützt Ziegenmilch außerdem optimal unser Immunsystem.

Fleisch von Lamm, Ziege und Schwein wird etwa zwei- bis viermal im Monat serviert, Fisch spielt in den Bergen auf dem Menüplan kaum eine Rolle. Dafür sind Wildkräuter stark vertreten, im Nusssortiment finden sich Esskastanien und Walnüsse. Honig wird zum Süßen verwendet und das Obstangebot ist mit Kaktusfeigen und den Früchten des Erdbeerbaums sehr übersichtlich, getrocknete Feigen und Rosinen ergänzen die Auswahl.

Wo Rosinen sind ist Wein nicht weit. Aber jetzt kommt die große Enttäuschung für alle Rotweintrinker, auch für mich. Es gibt keinen gesicherten Nachweis, dass Rotwein tatsächlich eine gesundheitsfördernde Wirkung hat. Eine genussfördernde hat er auf jeden Fall.

Dass sich das Leben auch in den sardischen Bergen verändert, liegt auf der Hand. Die Menschen gehen nicht mehr so viel zu Fuß. Das Nahrungsangebot hat sich erweitert, Pizza, Pasta und Kuhmilchprodukte sind vom italienischen Festland längst angekommen. Was können wir aber für unsere Esskultur lernen?

Das Essen der alten Menschen ist ziemlich monoton, Rohkost und Zucker spielen keine Rolle, dem Getreide wird Zeit zum Reifen gelassen bevor es zu Brot gebacken wird, Fleisch steht selten auf der Speisekarte. Die Hirtenkultur ermöglicht ein Leben an der frischen Luft und gibt den Menschen etwas ganz Entscheidendes: Zeit. Zum Beispiel um zu essen.

Glück und Gesundheit sind keine Frage der Größe von Supermärkten. Möglichst viel, möglichst bunt, möglichst alles und das sofort. Das ist das Schlaraffenland-Credo unserer Kultur. Auch unserer Esskultur. Ein Abendessen mit der Familie oder mit Freunden muss üppig sein, nichts darf auf Tisch und Teller fehlen, was wir uns jetzt gerade wünschen.

Aber ist Genuss wirklich eine Frage der Menge? Oder der Qualität? „Die meisten Menschen jagen so sehr dem Genuss nach, dass sie an ihm vorbeilaufen“, schrieb der dänische Philosoph Søren Kierkegaard (1813-1855) schon im 19. Jahrhundert. Das Tempo hat sich seitdem deutlich erhöht.

Klaus Heid, Arzt, Essen für Schlaue
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